Beratung hat - aus unserer Sicht - sehr viel mit der Beraterin/dem Berater selbst zu tun.
(ich verwende in diesem Blog die weibliche Schreibweise, was aber selbstverständlich auch für männliche Wesen Gültigkeit hat)
Kann ich mich für die Zeit einer Beratung frei machen von meinen eigenen Dingen, die mich beschäftigen? Ist es mir möglich, mich in den Hintergrund, in den Dienst meiner Klientinnen zu stellen? Bin ich mental so frei, dass ich die Sichtweise meiner Klientin annehmen kann? Kenne ich meine Stärken und Schwächen?
All das ist aus unserer Sicht notwendig, damit jemand eine gute Therapeutin sein kann. Sie muss den Raum frei geben können für die Klientinnen. Also ist es eine unbedingte Voraussetzung, dass in einer Ausbildung von Beraterinnen und Therapeutinnen die Selbsterfahrung und die eigene Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund stehen.
Ist eine Beraterin durch eigene Themen besetzt, wirkt sich das unmittelbar auf ihre Einfühlsamkeit aus. Auch wenn sie gut zuhört, sich der Klientin zuwendet, löst vieles von dem, was die Klientin erzählt bei der Therapeutin eigene Assoziationen aus. Schnell fühlt sie sich dadurch mit der Klientin verbunden, weil die Klientin bei ihr Eigenbezüge auslöst, und schnell ist sie zu stark mit eigenen Themen verstrickt, als dass sie sich genügend auf die Klientin einlassen könnte.
Unseres Erachtens kann keine Therapeutin frei von eigenen Problemen sein. Sie muss diese aber kennen, und wissen, wie man sie für die Dauer einer Beratungsstunde beiseite legen kann. Das ist leichter gesagt, als getan, weshalb es ganz wichtig ist, dass eine gute Berater- und Therapeutenausbildung solche Themen erlebnis-, selbsterfahrungsmässig und nicht nur theoretisch aufgreift.
Leider gibt es auch bei den besten Therapeutinnen schwerwiegende Themen, die bei aller Ausbildung und Erfahrung nicht einfach beiseite gelegt werden können, wie beispielsweise den Verlust eines Kindes, eines Ehepartners oder ein anderes traumatisches Erlebnis. In solchen Situationen wäre es dringend notwendig, solche traumatische Erlebnisse selbst in einer psychologischen Beratung / Therapie soweit zu bearbeiten, dass es möglich wird, Klientinnen mit ähnlichen Geschichten zu beraten. In der Zeit der eigenen Traumabearbeitung müsste die Beraterinnentätigkeit unterbrochen oder zumindest soweit eingeschränkt werden, dass nicht mit Klientinnen mit ähnlichen Erlebnissen gearbeitet wird. Gerade hier beobachten wir jedoch, dass traumatisierte Beraterinnen sich oftmals genau zu ihren eigenen traumatisierenden Themen hingezogen fühlen und sich darauf spezialisieren, weil sie sich sagen: "Niemand weiss besser als ich, wie es sich anfühlt..."
Gerade das ist jedoch ein Trugschluss, denn in solchen Fällen wird oftmals die Therapie zur Selbsthilfe. Klientinnen werden für die Eigenverarbeitung missbraucht, was u.E. nicht statthaft ist.
In der SHAKTI-Diplomausbildung in ayurvedisch-psychologischer Lebensberatung und Therapie legen wir besonderen Wert auch auf solche Themen. Damit fangen wir bereits im ersten Kursblock an!
(c) Jean-Pierre Crittin

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