Die Frage „warum“




Die in psychologischen Beratungen, jedoch auch sonst im Leben, oft gestellte Frage ist: „warum“. Viele Klientinnen und Klienten fragen verständlicherweise auch immer wieder „warum“, weil das Unerklärliche Spannungen verursacht. Die Hoffnung dabei ist, dass eine gefundene Erklärung Entspannung und damit inneren Frieden bringt. Leider aber sind die Zusammenhänge bei Menschen in 99.5% der Fälle komplexer, als dass sie durch simple, lineare, eindeutige Ursachen geklärt werden könnten. Vielmehr entstehen dadurch, privat-logische Theorien, die das Ganze zum Passen bringen, aber nicht wirkliche Erkenntnisse. Die Frage „warum“ greift meist zu kurz. Wenn Menschen in ein Geschehen involviert sind, erweisen sich die Ereignisse immer als dynamisch hochkomplex. Da gibt es unzählige Rückkoppelungen aus denen eine Dynamik entsteht, die kaum mit der einfachen Frage „warum“ oder mit einer "warum-Fragenserie" geklärt werden kann. (s. Jean-Pierre Crittin: „Ayurvedische Psychologie“, 2011, Windpferd Verlag, Oberstdorf).
Aus ayurvedisch-psychologischer Sicht ist deshalb die Frage nach dem Warum zwar nicht gerade verboten, jedoch oft von geringer Bedeutung und von schwachem Nutzen.
In diesem Blog begründen wir diese Ansicht:
·       Die Frage „warum“ führt zwangsläufig in die Historie, in die Vergangenheit, anders gesagt in eine entfernte Raum-Zeit. Sie lenkt von der Gegenwart, von der aktuellen Befindlichkeit und damit vor allem von konstruktiven Problemlösungen ab: „Meine Frau hat mich verlassen.“ „Warum?“ „Weil sie einen Anderen gefunden hat.“ „Warum hat sie einen Anderen gefunden?“ „Wahrscheinlich weil sie unzufrieden war.“ „Warum war sie unzufrieden?“ „Sie war nie zufrieden, genauso wie ihre Mutter. Auch die war nie zufrieden und auch die hat ihren Mann verlassen. Wahrscheinlich liegt das bei denen im Blut...“.
·       Das Abdriften in die Vergangenheit fördert Erinnerungen zutage, die zwangsläufig nur bruchstückhaft und sehr persönlich gefärbt sind. Je nach dem Verarbeitungsmuster von KlientInnen fallen diese Erinnerungen so aus, dass sie die Schuld / Ursache nach aussen verlegen oder diese bei sich selbst suchen: „Meine Mutter hat mir immer gesagt: Mach dich etwas rar, gib dich nicht zu schnell und zu viel in eine Beziehung rein...“ Dabei handelt es sich um eine einzige Aussage, die – wenn sie auch oft wiederholt wurde – ja wohl nicht die einzige Botschaft einer Mutter gewesen sein kann. Zudem stand diese Botschaft in einem bestimmten Kontext. Eine Information isoliert herauszugreifen ist - auch wenn die Aussage prägend war - willkürlich passt aber aus der Sicht des Klienten gerade gut in seine Situation.
·       Die Frage „warum?“ bezeichnet Schuldige und entschuldigt. So z.B. beim Mann, der von seiner Frau verlassen wurde: „Aha, das scheint also in der Familie zu liegen?“ „Genau, auch ihre Schwester bleibt nie länger als ein halbes Jahr bei einem Partner.“ Die Schuldigen sind gefunden; der Fall ist soweit abgeschlossen; Entspannung tritt ein. Dies führt jedoch nicht wirklich zu Erkenntnissen für das eigene, persönliche Wachstum. Die zweite Variante: „Ich erlebte das bisher schon immer; die Frauen verlassen mich. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, das ich nicht so attraktiv bin...“ Auch hier ist der Schuldige gefunden. Dies ist jedoch der günstigere Fall, denn daraus kann die Erkenntnis wachsen, etwas zu unternehmen. Nicht selten führt jedoch eine derartige Erkenntnis zur Opferhaltung und Resignation: „Da kann ich nichts dafür.“
·      Gerade bei Konflikten führt die Frage „warum“ zu destruktiven Spielen, bei denen man sich – weil keiner schuldig sein will - im Kreise dreht. Die Suche nach dem, der angefangen hat, wer schuld ist, wer was gesagt oder eben nicht gesagt hat, verstärkt den Konflikt zusätzlich. Sie giesst Öl ins Feuer, denn in einem Konflikt hat jeder recht.....aus seiner Sicht: „Du hast angefangen“ – „nein Du.“ „Du hast mir nicht einmal guten Tag gesagt“ – „wenn Du so depressiv drein schaust, vergeht mir die Lust, guten Tag zu sagen...“
·       Die Frage „warum“ bringt oft Ratlosigkeit und Stillstand: „Meine Frau hat mich verlassen.“ „Warum?“ „Weil sie einen Anderen gefunden hat.“ „Warum hat sie einen Anderen gefunden?“ „Das weiss ich auch nicht.“ „Aha.“
·       „Warum“ können wir immer fragen. Die Frage ist nur, wann hören wir auf zu fragen „warum?“: „Meine Frau hat mich verlassen.“ „Warum?“ „Weil sie einen Anderen gefunden hat.“ „Warum hat sie einen Anderen gefunden?“ „Das weiss ich auch nicht.“ „Warum wissen Sie das nicht?“ „Weil es mir unangenehm ist, mich mit dieser Frage auseinander zu setzen.“ „Warum ist es Ihnen unangenehm, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen?.“ „Weil....
Also fragen wir in der ayurvedischen Psychologie viel mehr, wie ein Klient im aktuellen Leben mit speziellen Situationen umgeht, wie es ihm dabei geht und welche Erfahrungen er damit macht. Wir fragen auch, wie sich jemand gerade jetzt, in der Therapiestunde fühlt, wenn er mir von speziellen Situationen erzählt. Wir versuchen die Klienten davon zu überzeigen, dass die Frage „warum“, die sie immer wieder stellen, zwar interessant ist, letztlich jedoch wenig bringt und sehr viel Energie und Aufmerksamkeit abzieht, die jemand effektiver für die Selbsterfahrung und die Problemlösung investieren würde. Aus solchen Gesprächen ernten Klienten und Therapeuten Erkenntnisse, die Wachstum und Entwicklung bringen.

© Jean-Pierre Crittin, CH-8645 Rapperswil-Jona

Bücher von J.-P. Crittin
Crittin Jean-Pierre        Ayurvedische Psychologie, Wege zum Selbst und das Energieprinzip im Ayurveda. 2010, Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf
Crittin Jean-Pierre        Wachstum und Entwicklung, Das Erwachen der Urkraft Shakti. 2013, Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf

Crittin Jean-Pierre        Chakra – Selbsttherapie in 7 Stufen. 2015, Windpferd             
                                  Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf
                                  

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