Mach deinen Job!
Mach deinen Job!
Dies ist für mich die Hauptaussage der Bhagavad Gita, wo Krishna, der Wagenführer, Arjuna dem jungen Prinzen, der in die Schlacht ziehen will und nun plötzlich Zweifel an seiner Absicht hegt, in einem langen Zwiegespräch über die yogische Philosophie, seinem Schützling klar macht, dass er seine Aufgabe zu erfüllen hat. Er ist in der Kaste der Krieger geboren, also ist der Schutz seines Volks, die Wiederherstellung von Gerechtigkeit seine Aufgabe, die er zu erfüllen hat.
Was sagt uns diese Geschichte hier und heute? Sie sagt: „Mach deinen Job!“
Es ist nicht die Frage, ob ich etwas gern mache oder nicht. Dinge, für die ich geboren und zuständig bin, müssen getan, Situationen, die sich mir präsentieren, müssen bewältigt werden.
Wofür bin ich eigentlich geboren?
Biologisch gesehen, um zu überleben. Die Veden geben mir auf diese Frage eine interessantere, differenziertere Antwort: Ich bin geboren um zu wachsen, denn Wachstum ist ein Gesetz der Natur. Alles was lebt wächst. Tiere, Pflanzen, Menschen sollen wachsen. Solange sie wachsen sind sie gesund. Stellen sie ihr Wachstum ein, arbeiten sie gegen die Natur. Dies kommt auf längere Sicht nicht gut heraus, denn die Natur ist bekanntlich stärker als das Individuum, also holt sie sich ihr gesetzliches Recht. Das Lebewesen wird krank und am Schluss stirbt es.
Also besteht unsere Lebensaufgabe darin, uns um unser Wachstum zu kümmern, das zu tun, was unser Wachstum fördert. Die Frage ist: Was tut mir gut? Was fördert mein Wachstum? Was bringt mich vorwärts, in letzter Konsequenz zur Erleuchtung? Wer erleuchtet ist, hat seinen Job getan.
Nun mischen sich bei der Frage, ob ich meinen Job machen soll - quasi durch die Hintertür - die Lust und die Angst ein. Wie bei Arjuna, den plötzlich Angst vor dem Kriegen, die Lust am Umkehren befällt, tauchen bei uns Lüste und Ängste auf, die uns davon ablenken unseren Job zu tun. Hie und da nennen wir das den „inneren Schweinehund“, die Lust, den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen. Wenn wir uns aber um unser Wachstum kümmern wollen, sollten wir unterscheiden zwischen dem, was Lust macht und dem was uns gut tut, zwischen dem, was uns kurzfristige Befriedigung bringt und dem, was längerfristig unser Wachstum unterstützt.
Lustbefriedigung bringt zwar momentanen Spannungsabbau, jedoch nicht wirkliches Wachstum, denn Lustbefriedigung ist lediglich ein Kreislauf an Ort: Lust baut sich auf – Lust wird befriedigt – Lust baut sich auf – Lust wird befriedigt... . Was sich an Ort dreht, bewegt sich zwar aber wächst nicht.
Wachstum bedeutet einerseits grobstoffliches Wachstum, im Sinne von Erneuerung des grobstofflichen Körpers. Stoffwechsel, physiologische Prozesse, wie beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen Gehirn und Nerven oder die Verdauung, dienen letztlich dazu, den ständigen Veränderungsprozess des Lebewesens aufrecht zu erhalten. Also ist es mein Job, vorbeugend dafür zu sorgen dass diese Prozesse gesund verlaufen, indem ich mich an der frischen Luft bewege, gesunde Nahrungsmittel und Flüssigkeiten im ausreichenden, jedoch angepassten Mass zu mir nehme.
Andererseits bezieht sich Wachstum auch auf das Feinstoffliche, auf mein Denken, mein Wissen, meine Erfahrungen, meinen Gemütszustand, meine Gefühle, meine mentalen Fähigkeiten. Mein Job ist es, auch hier das Wachstum zu unterstützen, indem ich meine feinstofflichen Aktionen und Reaktionen beachte und gesund erhalte. Dazu gehört insbesondere die bewusste Auswahl von Reizen, die den Gemütszustand beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist der TV-Konsum: Wenn ich Filme, Nachrichten oder Dokumentationen schaue, beeinflussen diese Reize meinen Gemütszustand, insbesondere dann, wenn mich das Gesehene und Gehörte beeindruckt und nicht einfach an mir vorbei zieht. Hier kann ich bewusst wählen und darauf achten, dass ich Sendungen schaue, die mir gut tun. Ebenso kann ich mit der Wahl der Musik, die ich höre, den Menschen mit denen ich mich umgebe oder bei Reizen des Alltags beeinflussend mitwirken, dass sich meine Gemütsverfassung aufhellt und stabilisiert.
Mentaltraining, Achtsamkeit, Meditation und Mantras gehören, nebst den alltäglichen Herausforderungen, nachgewiesenermassen zu den besten Möglichkeiten die Konzentrationsfähigkeit, das Denken, das Speichern und Abrufen von Inhalten zu verbessern, sodass ich – wenn ich von Krankheiten verschon bleibe – bis an mein Lebensende wachsen kann. Dann kann ich sagen: „Ich habe meinen Job getan!“
© Jean-Pierre Crittin
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